Kurz gesagt

Aus den öffentlich dokumentierten Arbeitsabläufen haben wir zwölf Bedarfe als Arbeitshypothesen formuliert. Sie helfen uns, Interviews, Use Cases und technische Experimente vorzubereiten.

Wichtig ist die Richtung des Pfeils: Eine beobachtete Schwierigkeit kann eine plausible Bedarfshypothese begründen. Sie macht daraus aber noch keine validierte Anforderung. Im Projekt müssen diese Punkte mit den tatsächlichen Akteuren überprüft werden.

A. Vorverarbeitung und fachliche Semantik

1. Strukturelle Aufbereitung beschleunigen

Dokumentstruktur, Lesereihenfolge, Tabellen, Formeln, Aufgabenbezüge und Abbildungen sollen maschinell so vorbereitet werden, dass Fachpersonal weniger Zeit mit mechanischer Rekonstruktion verbringt.

2. Fachliche Semantik visueller MINT-Inhalte erschließen

Diagramme, Schaltungen, Plots und andere MINT-Grafiken sollen nicht nur beschrieben, sondern als Objekte, Relationen und fachliche Struktur erfasst werden.

3. KI-Ergebnisse effizient fachlich prüfen

Professionelle Umsetzer*innen benötigen nachvollziehbare Vorschläge, sichtbare Unsicherheiten und gezielte Korrekturmöglichkeiten – keine Black-Box-Ausgabe.

4. Mehrere Ausgabeformen aus einer geprüften Grundlage erzeugen

Wenn die fachliche Bedeutung einmal geprüft wurde, sollte sie möglichst als gemeinsame Grundlage für Text, Mathematikdarstellung, Audio, taktile oder visuelle Repräsentationen dienen können.

B. Produktionsökonomie und Wiederverwendung

5. Große Auftragsmengen handhabbar machen

Schulbücher und Materialpakete benötigen Jobsteuerung, Priorisierung, Fortschritt und Wiederaufnahme – nicht nur einen einzelnen Upload.

6. Vorhandene Umsetzungen wiederverwenden

Vor einer Neuaufbereitung sollte auffindbar sein, ob ein Werk, Ausschnitt oder vergleichbarer Inhalt bereits umgesetzt wurde oder gerade umgesetzt wird.

7. Änderungen zwischen Auflagen gezielt erkennen

Eine neue Version sollte nicht automatisch die vollständige Neuaufbereitung auslösen. Relevant sind vor allem semantisch veränderte Teile.

C. Qualität, Standards und sichere Prozesse

8. Prüfungen sicher und kontrolliert verarbeiten

Vertrauliche Materialien benötigen eingeschränkten Zugriff, kontrollierte Speicherung, Auditierbarkeit und verbindliche menschliche Freigabe.

9. Standards und institutionelle Regeln reproduzierbar anwenden

Braille-, Mathematik- und andere Übertragungsregeln sowie lokale Konventionen müssen nachvollziehbar und konsistent auf Ausgaben angewendet werden.

10. Provenienz und Qualitätsstatus nachvollziehbar halten

Für eine Ausgabe sollte erkennbar sein, aus welcher Quelle und Version sie stammt, welche maschinellen Schritte erfolgt sind und wer sie fachlich geprüft hat.

D. Individualisierung und gemeinsames Lernen

11. Individuelle Nutzungsbedarfe unterstützen

Insbesondere an Hochschulen können Hilfsmittel, Notationen, Detailtiefe und Nachteilsausgleiche individuell variieren. Eine gemeinsame fachliche Quelle sollte unterschiedliche Ausgabeprofile ermöglichen.

12. Barrierefreie Zusammenarbeit zwischen blinden und sehenden Lernenden fördern

Langfristig wäre es sinnvoll, nicht getrennte Sondermaterialien zu erzeugen, sondern visuelle und nicht-visuelle Darstellungen auf dieselbe geprüfte Semantik zurückzuführen.

Warum diese zwölf Punkte zusammengehören

Die Hypothesen ergeben ein anderes Bild als ein klassischer „Datei hochladen, Alt-Text erhalten“-Dienst. Professionelle Medienaufbereitung ist ein Produktions- und Qualitätsprozess: Material kommt in unterschiedlichen Formen an, muss fachlich verstanden, geprüft, in mehrere Medien überführt, verteilt und später möglicherweise wiederverwendet oder aktualisiert werden.

Der Semantik-first-Ansatz von IncluLearn.AI passt besonders gut zu diesem Bild, weil er die fachliche Bedeutung als prüfbare Zwischenschicht behandelt.

Was jetzt validiert werden muss

In Interviews wollen wir nicht einfach fragen, ob diese zwölf Punkte „gut klingen“. Wir müssen herausfinden, welche davon im Alltag tatsächlich relevant sind, wie häufig sie auftreten und welche Qualitäts- oder Sicherheitsbedingungen eine Nutzung überhaupt ermöglichen würden.

Ein wichtiges Ergebnis kann deshalb auch sein, dass einzelne Hypothesen verworfen, zusammengelegt oder niedriger priorisiert werden.