Kurz gesagt

Unsere Recherche zu deutschen Medienzentren und Umsetzungsdiensten zeigt ein wiederkehrendes Muster: Die Engpässe entstehen nicht primär beim bloßen Digitalisieren von Text, sondern dort, wo fachliche Struktur, unterschiedliche Zielmedien, Qualitätsprüfung und knappe Zeit zusammenkommen.

Das ist für IncluLearn.AI wichtig, weil genau an diesen Stellen ein Semantik-first-Ansatz helfen könnte – vorausgesetzt, er reduziert Vorarbeit, ohne fachliche Kontrolle zu verdrängen.

Befund 1: Die manuelle Aufbereitung kann pro Seite sehr aufwendig sein

Das Landesmedienzentrum Baden-Württemberg beschreibt den Textservice als aufwendigen Prozess. Für eine Schulbuchseite werden je nach Fach und Material 20 Minuten bis zu einer Stunde genannt.

Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass ein PDF mit erkanntem Text noch lange kein nutzbares barrierefreies Lehrmaterial ist. Lesereihenfolge, Überschriften, Formeln, Abbildungen und fachliche Zusammenhänge müssen sinnvoll strukturiert werden.

Für IncluLearn.AI ergibt sich daraus eine konkrete Forschungsfrage: Wie viel dieser strukturellen und semantischen Vorarbeit lässt sich maschinell vorbereiten, ohne die fachliche Prüfung zu schwächen?

Befund 2: Vorlaufzeiten zeigen reale Kapazitätsgrenzen

Das Medienzentrum der Johann-Peter-Schäfer-Schule in Friedberg nennt eine notwendige Vorlaufzeit von vier bis acht Wochen. Während eines Teils der Prüfungsphase können neue Aufträge nach eigener Darstellung zeitweise nicht bearbeitet werden. Die Seite beschreibt außerdem stark gestiegene Anfragen bei gleichbleibender Mitarbeiterzahl und eine teilweise nur abschnittsweise Übertragung von Schulbüchern.

Mediablis Bayern empfiehlt für zentral gestellte Prüfungen eine Anmeldung mindestens drei Monate vor dem ersten Prüfungstermin.

Diese Angaben sind institutionsspezifisch und dürfen nicht als Durchschnitt für alle Medienzentren gelesen werden. Sie zeigen aber, dass Durchsatz, Priorisierung und planbare Vorverarbeitung praktisch relevante Themen sind.

Befund 3: Barrierefreie Medienaufbereitung ist eine fachliche Transformation

Die recherchierten Einrichtungen produzieren sehr unterschiedliche Zielmedien: Braille, barrierefreie E-Books, Großdruck, taktile Grafiken, Schwellkopien, Tiefziehmodelle, 3D-Modelle und teilweise Audio-/DAISY-Angebote.

Mediablis verweist außerdem auf verbindliche Übertragungsstandards für Braille, E-Bücher sowie Mathematik, Physik und Chemie. Die blista beschreibt die Entwicklung von Modellen und Anschauungsmaterialien gemeinsam mit Fachlehrkräften und auf Basis von Rückmeldungen der Lernenden.

Das macht den entscheidenden Unterschied zu einem generischen „Bild beschreiben“-Ansatz sichtbar: Die Aufgabe besteht darin, fachliche Bedeutung so zu erfassen, dass daraus geeignete und konsistente Repräsentationen entstehen können.

Befund 4: Wiederverwendung ist heute bereits Teil des Workflows

Das LBZB Hannover beschreibt, dass vor einer Neuübertragung zunächst im eigenen Bestand und anschließend im deutschsprachigen Raum nach vorhandenen Materialien recherchiert wird. Liegen Daten einer anderen Medienzentrale vor, werden diese weiterverwendet.

Auch Sehkon dokumentiert bestehende und geplante Umsetzungen; die TU Dortmund nennt mehr als 14.000 Nachweise und ausdrücklich die Vermeidung aufwendiger Doppelproduktionen als Zweck.

Für IncluLearn.AI ist das ein wichtiger Hinweis: Ein künftiges System sollte nicht nur bessere Neuaufbereitung ermöglichen, sondern auch vorhandene Arbeit erkennen, referenzieren und – soweit rechtlich und technisch möglich – wiederverwenden.

Befund 5: Prüfungen sind ein eigener Anwendungsfall

Bei Prüfungen reicht es nicht, Inhalte schnell umzuwandeln. Eine Adaption muss fachlich äquivalent bleiben, darf keine Lösungshinweise hinzufügen und muss in einem kontrollierten Prozess entstehen.

Mediablis verweist für zentrale Prüfungen auf verbindliche Standards und lange Vorlaufzeiten. Friedberg beschreibt Prüfungsphasen als prioritären Produktionszeitraum.

Daraus folgt für IncluLearn.AI: Prüfungen sind kein einfacher Sonderfall desselben Upload-Workflows, sondern verbinden Vertraulichkeit, Auditierbarkeit, kontrollierte Freigabe und besonders strenge Human-in-the-loop-Prüfung.

Was wir daraus noch nicht ableiten dürfen

Die öffentliche Recherche zeigt reale Prozesse einzelner Einrichtungen. Sie sagt noch nicht, welche Engpässe bundesweit am stärksten sind oder welche Automatisierung Medienzentren tatsächlich akzeptieren würden.

Deshalb behandeln wir diese Befunde als Evidenz für die nächsten Fragen, nicht als fertige Anforderungsliste. Genau diese Punkte sollen in Gesprächen mit Medienzentren, Umsetzungsdiensten und weiteren Partnern überprüft werden.